Irgendwo zwischen Mullaghmore und der Küste passiert es. Du hast schon eine Stunde auf grauem Kalkstein gewandert, der Himmel ist weit und fast zu hell, der Wind riecht nach Atlantik — und dann stehst du still. Nicht weil die Beine müde wären. Sondern weil der Stein zu deinen Füßen blau ist. Ein Teppich aus Frühlings-Enzianen, jede Blüte kaum größer als eine Münze, jede in einem Blau, das man sonst nur aus Aquarellen kennt, hat sich über das Kalksteinpflaster verteilt, soweit das Auge reicht.
Du hast davon gelesen. Du wusstest, dass es so sein würde. Aber lesen und stehen sind zwei verschiedene Dinge.
Der Burren im Mai ist Irlands bestgehütetes Wandergeheimnis. Das Kalksteinplateau im Nordwesten der Grafschaft Clare, das an grauen Novembertagen wie eine Mondlandschaft wirkt, verwandelt sich im Frühling in einen der ungewöhnlichsten Wildblumengärten Europas. Wer diesen Monat für eine Wanderung wählt, erlebt etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt — und das ich nach vielen Jahren auf irischen Pfaden immer noch nicht für selbstverständlich halte.
Das botanische Wunder des Burren
Der Burren sollte eigentlich eine Pflanzenwüste sein. Nackter Kalkstein, kaum Erde, raue Atlantikwinde — die Bedingungen klingen alles andere als einladend. Cromwells Feldvermesser schrieb im 17. Jahrhundert, das Land habe weder genug Holz zum Hängen noch genug Wasser zum Ertränken noch genug Erde zum Begraben. Er hatte Recht mit der Beobachtung. Aber er verstand nicht, was in den Ritzen passiert.
Die Kalksteinplatte des Burren ist von tiefen Spalten durchzogen — Grikes auf Englisch, auf Irisch cailleach. Diese Spalten schaffen geschützte Kleinklimate: windstill, froststabil dank der Wärmespeicherkapazität des Steins, und erstaunlich feucht. In diesen Ritzen wächst, was eigentlich nicht zusammengehört: Frühlings-Enziane aus dem Hochgebirge. Silberwurz aus der arktischen Tundra. Blut-Storchschnabel aus dem Mittelmeerraum. Strauch-Fingerkraut aus Skandinavien. Alle auf einem Fleck, in einem kleinen Eck von County Clare, als hätte jemand den botanischen Weltatlas auf einem Haufen abgelegt und vergessen abzuholen.
Dieses Nebeneinander existiert nirgendwo sonst auf der Welt in dieser Dichte. Und im Mai steht es in voller Blüte.
Was blüht wann — ein kleiner Feldführer für Wanderer
Man muss kein Botaniker sein, um den Burren im Mai zu genießen. Aber ein paar Namen helfen. Sie geben dir etwas, wonach du Ausschau hältst — und das Ausschauen ist das Wichtigste, das du auf dieser Wanderung mitbringen kannst.
Der Frühlings-Enzian (Gentiana verna) ist die Leitart des Burren, der Star des Mais. Ab Ende März öffnen sich die ersten Blüten, ab Mitte April steht er in Mengen, und im Mai verwandelt er ganze Abschnitte des Kalksteinpflasters in ein leuchtendes Blau. Jede einzelne Blüte ist ein perfektes fünfzackiges Gebilde, kaum zwei Zentimeter breit, in einem gesättigten Kobalt-Blau, das man beim ersten Sehen für unecht hält. Achte auf ihn im kurzen Gras und in flachen Steinspalten. Das Mullaghmore-Gebiet im Nationalpark und die Hänge rund um Black Head sind besonders gut.
Die Silberwurz (Dryas octopetala) wächst normalerweise über 1000 Meter Höhe in den schottischen Highlands oder in skandinavischen Gebirgen. Hier kriecht sie auf Meereshöhe über das Kalksteinpflaster — ein weißes, achtzähliges Blütengebilde auf niedrigen, teppichartigen Stängeln. Im Mai bedeckt sie ganze Flächen des Plateaus. Wer sie auf einem Schweizer Alpenpass kennt und hier unten wiedertrifft, hält zweimal inne.
Der Blut-Storchschnabel (Geranium sanguineum) kommt etwas später — sein Peak ist im Juni — aber schon im Mai tauchen die ersten tiefrosa bis magentafarbenen Blüten auf, vor allem an der Küste und in windgeschützten Spaltensystemen. Der Name kommt von den Blättern, die sich im Herbst blutrot verfärben. Die Blüte selbst ist ein kräftiges, fast schreiend schönes Magenta.
Das Frühlings-Knabenkraut (Orchis mascula) ist Irlands erste Orchidee des Jahres. Es erscheint in April und Mai auf Graswiesen und an Kalksteinböschungen — hohe Ähren mit rotvioletten Blüten, die man in den Wegrändern und auf den Grünwegen des Burren überraschend häufig findet.
Und dann ist da noch der Jungfernhaarfarn (Adiantum capillus-veneris) — kein buntes Blütengewächs, sondern ein zarter Farn aus den Tiefen der Steinspalten, der eigentlich in mediterrane Schluchten gehört und sich hier in den windgeschützten Grikes eingenistet hat. Wenn du ihn findest, kniee dich hin und schau genau hin. Diese zittrigen kleinen Wedel in einem Riss aus 350 Millionen Jahre altem Kalkstein — das ist der Burren in einem einzigen Bild.
Die besten Wanderungen für die Wildblumensaison
Der Mullaghmore Loop — das Herzstück
Acht Kilometer, etwa drei Stunden, mittelschwer wegen des unebenen Untergrunds. Der Rundweg um den Mullaghmore-Hügel im Nationalpark führt durch das intakteste Kalksteinpflaster des gesamten Burren und ist im Mai außerordentlich reich an Enzianen, Silberwurz und frühen Orchideen. Gib dir mehr Zeit als drei Stunden. Du wirst anhalten — häufig, und gerne. Start am Parkplatz an der R476.
Das Caher Valley bei Fanore — grün und geschützt
Das Caher Valley öffnet sich landeinwärts vom Atlantikstrand bei Fanore, flankiert von Kalksteinhügeln auf beiden Seiten. Es ist eine andere Erfahrung als das offene Plateau — wärmer, geschlossener, mit einem Bach durch den Talgrund und einer üppigeren Vegetation in den Talwiesen. Im Mai blühen hier Knoblauchsrauke und Weißdorn, Orchideen auf den Wiesenhängen, und der Blut-Storchschnabel beginnt sich an den Hangflanken zu zeigen. Der Weg von Fanore ins Tal und zurück ist etwa 10 Kilometer, drei bis vier Stunden. Ruhig, wenig begangen, sehr schön.
Black Head — wo Stein auf Meer trifft
Der Rundweg rund um die nordwestliche Spitze des Burren gibt dir beides: den offenen Atlantik auf der einen Seite, die gestuften Kalksteinterrassen auf der anderen. Im Mai ist die Enziandichte hier besonders hoch. Der Weg folgt zunächst der Küstenstraße unter den Felsen, steigt dann durch die Kalksteinstufen auf und bietet weite Blicke über die Galway Bay und die Aran Islands. Etwa 8 bis 10 Kilometer. Das Nachmittagslicht hier — Meer hinter dir, Blumen unter dir — ist das, wofür man nach Irland reist.
Die Grünwege — langsam, still, ohne Plan
Die alten Grünwege des Burren — uralte Triebpfade, über die Bauern jahrhundertelang ihr Vieh auf die Sommerweide trieben — sind die schönsten Wildblumenwege der Region und die stilsten. Diese grasbewachsenen Trassen durchziehen das Innere des Plateaus, vorbei an Ringforts und alten Feldmauern, mit Blumen in den Rändern und Steinspalten beidseitig. Hol dir eine gute Karte (die Burren 1:30.000 ist empfehlenswert), nimm dir einen ganzen Tag, und geh ohne festes Ziel. Das ist der richtige Modus für den Burren.
Wie man im Burren richtig wandert
Das Wichtigste ist: langsam werden. Wildblumenwandern im Burren ist keine Frage der Kilometer, sondern der Aufmerksamkeit. Den Frühlings-Enzian übersieht man im normalen Wandertempo. Im langsameren Schritt sieht man ihn plötzlich überall. Eine kleine Handlupe lohnt sich. Geh in die Knie vor den Steinspalten. Schau hinein. Der Jungfernhaarfarn sitzt tief drin und wartet auf dich.
Bleib auf Pfaden und bestehenden Trassen, wo es geht. Das Kalksteinpflaster wirkt robust, aber die Pflanzenwelt in den Grikes ist fragil. Auf dem nackten Stein laufen ist kein Problem — durch Vegetation zu treten braucht Jahre, um sich zu erholen.
Geh morgens los. Der Enzian öffnet seine Blüten in der Sonne — bei bewölktem Himmel schließt er sie. Wer fotografieren will, plant den Aufbruch für den späten Vormittag, wenn das Licht weich ist und das Plateau noch still.
Praktisches für eine Wanderung im Mai
Der Mai ist die beste Reisezeit für den Burren, und das spricht sich herum. Unterkunft in Doolin, Ballyvaughan oder Kilfenora — den besten Ausgangspunkten für die Wanderungen — sollte zwei bis drei Monate im Voraus gebucht werden, besonders an Wochenenden.
Das Wetter im Mai ist wechselhaft, wie überall am irischen Atlantik. Rasch wechselnde Verhältnisse sind die Regel, nicht die Ausnahme — ein wasserdichter Anorak gehört auch an scheinbar klaren Tagen in den Rucksack. Gute Bergstiefel mit Knöchelschutz sind auf dem unebenen Kalksteinpflaster Pflicht, keine Option. Die Tage sind lang — bis nach 21 Uhr hell — was entspannte Nachmittagswanderungen ohne Zeitdruck erlaubt.
Wem die Logistik zu aufwendig ist —— Unterkunftsbuchungen, Gepäcktransport, Routenplanung — der findet bei Walking Holiday Ireland einen auf Irland spezialisierten Wanderveranstalter, der sich um all das kümmert. Die selbstgeführten Touren durch den Burren beinhalten handverlesene Unterkünfte, täglichen Gepäcktransport und detaillierte Routenbeschreibungen — du gehst, sie regeln den Rest. Wer mehr über den Burren Way erfahren möchte, findet auf auch einen ausführlichen Streckenführer mit Tagesetappen und Hinweisen zur Schwierigkeit.
Warum gerade Mai
Man kann den Burren zu jeder Jahreszeit gehen. Im September hat er eine goldene Stille, im Oktober eine gewisse Melancholie, die auch ihren Reiz hat. Aber der Mai ist der Monat, in dem dieser Ort zu sich selbst kommt. Die Enziane, die Silberwurz, das erste Orchideenrosa — sie machen aus einer schönen Wanderung etwas Besonderes. Etwas, das man nicht vergisst.
Irlands grüne Hügel hat man anderswo auch. Diesen grauen Stein, blau gesprenkelt von Blüten, die eigentlich nicht hierher gehören — den hat man nur hier. Und nur jetzt.
Über den Autor: Cliff Hessing ist Gründer von Walking Holiday Ireland, einem auf Irland spezialisierten Wanderveranstalter mit Sitz in County Clare. Er führt und organisiert seit Jahren selbstgeführte und geführte Wanderurlaube auf den großen irischen Fernwanderwegen — Kerry Way, Wicklow Way, Dingle Way und dem Burren Way. Der Burren im Mai gehört zu seinen persönlichen Lieblingswochen des Wanderjahres.